Tagebucheintrag – Suche nach dem sinnvollen Tun – Verlust der Leidenschaft?

Es muss doch etwas geben, was mich so interessiert, dass ich dafür in Leidenschaft entbrenne. Die Suche danach entfaltet sich als äußerst schwierig. Besonders im Tief meiner Bipolaren Störung. Mittlerweile erstreckt sich die Suche schon über zehn Jahre. Mal mit mehr, mal mit weniger Enthusiasmus. Je nach depressiver oder manischer Episode. Bis jetzt waren es nur Fehlversuche. Ich beneide Menschen, die sich irgendeiner Sache verschrieben haben, da sie wissen wofür sie jeden Tag den Tag beginnen. Sie identifizieren sich mit einer Idee, mit einem Handwerk und sei es das Schreiben. Das Schreiben an sich als Tätigkeit ist nur ein Hilfswerk für das, wofür man sich hingegeben hat.

Mein Vater zum Beispiel lebt für seine Stammbaumbilder. Meine Freundin Karin lebt für ihren Hund. Die Marina gibt alles für einen geistreichen Gedanken. Andere vergraben sich in Musik, im Malen und Zeichnen, im Handarbeiten und vielem mehr. Nur für mich – da ist nichts. Das war einmal anders. Als Jugendliche gab es eine Weile nur meine Zither. Den ganzen Tag fieberte ich hin bis endlich Freizeit war und das Zitherspiel angesagt war. Das ging fast drei Jahre so. Oder meine Gymnasialzeit in der Abendschule. Mit Leib und Seele ging ich zur Schule. Ich war leidenschaftliche Schülerin.

Heute fange ich immer wieder etwas an um dann zu entdecken, dass es wieder nicht das war was mich begeistert und gefangen nimmt. Langeweile macht sich breit. Wie Gangrän breitet sie sich aus in meinem Gliedern. Es ist aber nicht so, dass da gar nichts wäre in meinem Inneren. Wenn ich in der Buchhandlung im Einkaufszentrum meine Runden um die Regale drehe und auf der Jagd nach einem guten Buch bin und mich dann vollbepackt mit Büchern hinsetzte um Neues zu entdecken in den geschriebenen Seiten – da fühle ich etwas Fesselndes. In diesem Moment denke ich nicht nach, wofür ich eigentlich lebe und mich begeistere – da ist es da, das Lebensgefühl, das mit mir empor schwebt. Heute war so ein Tag, mit einem ganz besonderen Moment.

Ich glaube, dass es meinem Mann ebenso ergeht wie mir. Bücher waren immer eine große Leidenschaft in meinem Leben. Und es gibt nichts Schöneres als die Entdeckungsreise durch einen Bücherdschungel. So ein Bücherwald findet sich in der Buchhandlung im Einkaufszentrum. Und das Besondere dort ist eine Glasfront vor der sich einige Lesesesseln befinden. Gleich daneben gibt es auch noch einen Kaffeeautomaten. Im Lauf der Jahre hat sich eine liebe Gewohnheit entwickelt. Ich begebe mich auf Entdeckungsreise durch den Schreibsalat und pflücke mir einige Leckerbissen, um mich dann mit Kaffee versorgt auf einen dieser Sessel zurückzuziehen und meinem Entdeckungswahn zu frönen. Seit mein Mann und ich verheiratet sind, nehme ich ihn immer wieder mit auf diese kleine Alltagsreise. Und ich glaube, seit heute habe ich ihn angesteckt.

Als ich vorschlug in die Buchhandlung zu gehen, willigte er sofort ein – ohne Widerworte. Als ich schon im Lesen war, kam er plötzlich mit einem seligen Lächeln auf dem Gesicht zu mir um mir seine neueste Entdeckung zu erzählen. Ein Standardwerk über Whisky. Er hatte das Buch gar nicht gleich mitgenommen – er musste es erst holen, nachdem er mir davon berichtet hatte. Meine Freude überkam mich in diesem Moment so übergroß, dass ich innerlich ganz außer mir war. Zufällig wurde auch gleich ein Platz neben dem meinen frei. Und dann schmökerten wir beide in unseren Eroberungen. Eine überaus friedliche Ruhe überkam mich gepaart mit einer riesigen Freude. Ich war, zumindest für eine Weile, der Langeweile entronnen. Zumindest für ein paar Augenblicke tauchte ich aus dem Alltag auf und fühlte mich am Leben. Und ich hatte für einige Momente Leidenschaft.

© Maria Fasching

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