Es war keine Freundschaft…

Eigentlich entdecke ich jetzt, dass wir uns nie wirklich nahe gewesen sind. Wir glaubten es zwar, aber es war nicht so. Jeder von uns lebte sein eigenes Leben. Wenn wir uns dann mal gesehen haben, sind wir richtig ausgeflippt vor Freude darüber, uns zu sehen … mein Bruder und ich.  Aber …  eigentlich hatte er immer nur seine Aktivitäten und seine Ziele im Kopf. Für andere oder für mich interessierte er sich nicht wirklich.

Sehr begeisterungsfähig war er. Und das gab ihm eine positive Ausstrahlung. Das hat aber nichts mit einem echten Interesse am anderen zu tun.

Wenn ich jemanden als meinen Freund ansehe, dann stelle ich Fragen und versuche den anderen nach und nach besser kennen zu lernen. Ich mache mir Gedanken über denjenigen, versuche ihn zu verstehen und muss auch nachfühlen, ob ich das was er mir sagt auch richtig verstanden habe. Und es braucht vor allem Zeit. Echte Freundschaft braucht viel Zeit und gehört gepflegt. Erst dann kann Vertrauen wachsen und erst dann entstehen tiefe Gefühle der Freude über die Freundschaft.

Das zeigt sich dann auch an der Intensität der Gespräche.dsc_0507 Einmal durfte ich Zeuge eines einmaligen Gespräches werden.

Zwei berühmte Wissenschaftler sprachen miteinander über ihre Forschungsergebnisse. Wenn der eine was sagte, hörte der andere aufmerksam zu. Wenn dieser geendet hatte, fasste der andere das Gesagte zusammen und fragte nach, ob  er auch richtig verstanden habe und erst dann holte er aus und sprach über seine Forschungen und Meinungen. Als dieser dann geendet hatte, machte der andere dasselbe.

Es war so ein friedliches Gespräch trotz der immer wieder auftauchenden Meinungsverschiedenheiten. Das war echte Aufmerksamkeit und wahres Interesse an der Denkweise des anderen. Und es war ein Genuss zuzuhören. Diese Art zu kommunizieren hatte eine Eigendynamik, die sich auf den Zuhörer übertrug.

Heute bin ich es einfach sehr leid, mich mit oberflächlichen Menschen abzugeben. Sie stehlen mir die Zeit und meistens bleibt nach einer derartigen Kommunikation ein schaler Nachgeschmack und ein Gefühl der Zeitvergeudung.

© Maria Fasching

6 Gedanken zu “Es war keine Freundschaft…

    1. Lieber Alois! Freut mich sehr, dass du auf mein Blog gefunden hast. Würde gerne an deine Gedanken teilhaben, die bei dir das „herbstliche Lächeln“ verursachen… Danke jedenfalls dafür! Alles Liebe Maria

  1. Liebe Maria,

    das WORT Freundschaft ist, in heutigen Zeiten, wohl eines der meist misverstandenen und misbrauchten Worte überhaupt. Man wird „geaddet“ und „gesammelt“ wie eine Briefmarke, so sehr man sich auch wehrt und von dieser Handlungsweise distanziert. OK, von „Menschen wie diesen“ tut es ja nicht weh, eigentlich erwartet man ja auch gar nicht wirklich etwas anderes. Aber in der Familie und im „echten“ Leben, erwartet oder wünscht man sich natürlich schon etwas mehr und das zurecht!

    Aufmerksamkeit ist eine Geste des Respektes, es zeugt von Interesses am Gegenüber und das kostet einfach Zeit und wenn ich jemanden schätze, investiere ich dieses wertvolle Gut gerne, stimmts?

    In Bezug auf deinen Bruder ging und geht es mir mit meinem ebenso. Wenn man als chronisch kranker Mensch 8 Jahre lang nichts voneinander hört, das Gespräch sucht und man nur von der „ach-so-vielen“ Arbeit am neuen Haus hört und der allerletzte Satz nach über zehn Minuten, die verlegene Frage hört: „Und wie gehts dir eigentlich?“, sind die Werte ja klar dargelegt worden, oder?

    Für mich gibt es keine Unterschiede zwischen der virtuellen und der realen Welt, hinter allem stecken Menschen, die unserer Aufmerksamkeit entweder wert sind oder nicht und unsere Zeit ist bemessen und daher kostbarer denn je.

    Nutze deine Zeit!
    Dein Freund Wolfgang

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