Momente #1 – Mein Mutterle in ihrem Garten

Gestern Abend haben wir noch lange geredet, die Mutti und ich. Sie hat sich und mir einen Gute-Nacht-Kaffee gemacht. Dann haben wir gemeinsam den vergangenen Tag Revue passieren lassen.

Dann sagte ich zu ihr, dass sie sich in den letzten zwei Jahren ein wenig verändert hätte. Sie sagte: „Ich habe mich nicht verändert – mein Körper hat sich verändert. Ich werde schneller müde und ich brauche mehr Schlaf.“

Wenn Mutti lacht, dann lachen ihre Augen mit. Sie verkleinern sich zu kleinen Schlitzen und die Lachfältchen in den Augenwinkeln bilden kleine Fächer. Sie ist glücklich hier in der Türkei. Sie hat trotz aller Widrigkeiten des Lebens ihre innere Fröhlichkeit und Fähigkeit sich zu freuen nicht verloren, obwohl sie dazu jede Menge Gründe gehabt hätte, und obwohl das manchmal fast passiert wäre.

Am Morgen braucht sie ihre Ruhe. Sie geht durch den Garten und schaut, ob sich nicht etwas verändert hat vom Vortag bis zum Morgen. Jedes noch so kleine Wachstum nimmt sie wahr. Und da sind ihre Gäste im Garten – die kleinen Vögelchen. Sie haben sich in den Baumwipfeln des Pfirsichbaumes ein kleines Nest gemacht. Fröhlich zwitschert es daraus hervor, zur Freude von Mutti. „Guten Morgen!“, ruft sie ihnen zu.

Sie denkt an ihre acht Kinder, die sie groß gezogen hat. Was sie in Jugendjahren voller Tatkraft geschafft hat, würde sie heute auslaugen – acht verschiedene und sehr starke Persönlichkeiten. Da hat es schon manchmal kräftig gekracht. Acht Kinder sind schon eine große Schar.

Ihr „Liebespaar“ im oberen Garten, die Marille und der Pfirsich, sind in den letzten Jahren sehr kräftig geworden. Den anfänglichen Abstand, den sie zueinander hatten, haben sie inzwischen überbrückt und sind zusammen gewachsen, jeden Tag um ein paar Millimeter mehr. Anfangs waren sie nur verliebt ineinander, aber das ist jetzt ganz anders, heute stellen sie eine kräftig gewachsene Liebe mit starker Verwurzelung dar. Genauso ist es mit ihrer Liebe zu Baba. Auch Mutti und er haben sich über die Jahre hinweg zueinander hin entwickelt. Manchmal fast unmerklich, dann wieder mit riesigen Schritten.

Er ist ihre große Liebe und sie ist seine große Liebe. Wenn einem von beiden weh getan wird, kann der andere nicht mehr fröhlich sein, im Gegenteil. Beide werden sehr traurig und gleichzeitig wütend, wenn einer von ihnen leidet.

Wie das Taubenpaar, das jeden Tag an der Vogeltränke vorbei schaut. Beide achten aufeinander und wachen jeweils über den anderen. Wenn sie kommen, setzen sie sich als erstes immer auf das Kabel hoch oben am Mast. Sie erkunden, ob die Luft rein ist. Dann mit einem Schwung landen sie am Beckenrand der Tränke. Sich vorsichtig und schnell umsehend trinken sie blitzschnell vom Wasser. Manchmal plantscht einer von ihnen noch vor dem Abflug in das Nass. Dann spritzt es richtig auf wenn sie abheben.

Im Garten schweift Muttis Blick weiter. Die Begonville ist schon wieder um zwanzig Zentimeter gewachsen.begonville Morgen wird sie ihre Gartenschere nehmen und sie wieder ein wenig kürzen und die längeren Triebe wird sie an den Untergrund anheften – im Jahr wachsen diese Blumen fast zwei Meter. Die lieblichen kleinen Blätter die die feine Innenblüte umgeben sind fein gemasert. Das zarte durchscheinende Lila lässt eine Zartheit des Gewächses vermuten, das es aber nicht gibt. Ein Blick auf die Äste und den Stamm zeigt, dass es sich hier um eine starke Pflanze handelt. Diese Begonville ist wie die Persönlichkeit von Mutti – stark und kräftig aber wenn man genauer hinsieht, ein zart mitfühlender Mensch der versucht für alle die ihn brauchen da zu sein.

Da entdeckt sie im Rasen eine Grasmotte. Bei genauerer Überprüfung des Grases merkt sie, dass diese Schädlinge sich schon wieder eingenistet haben. Winzig kleine grüne Würmchen laben sich mit ihren gefräßigen Mäulern an den noch kleineren Graspflanzen. Noch ehe diese Pflänzchen sich entwickeln können ist es schon aus und sie landen im Magen der Würmer. So kann sich das Grün natürlich nicht entwickeln. Sie muss diese Kleinstgewächse schützen denkt sie. Heute Abend werde ich wieder meinen Giftspray einsetzen müssen.

Wenn Besuch kommt, fiel schon oft die Bemerkung, dass man hier in einen schönen europäischen Garten kommt.

Mutti liebt ihre Pflanzen und das kleine Getier im Garten. Ihr Blick schweift weiter zu den kleinen Rosenstöcken. Die Hitze im vergangenen Sommer hat ihnen recht zugesetzt. Nun, weil die Temperaturen kühler sind, erholen sie sich und können sich wieder entfalten. Das helle ausgelaugte Grün der Blätter weicht einer saftigen dunklen Farbe.dsc_0353 Ein Tautropfen hat sich in einer der roten Blüten gehalten. Schnell holt sie ihren Fotoapparat und hält dieses Wunder der Natur fest.

GottesanbeterinDa entdeckt sie ihren liebsten Gast am Ende des Terrassengeländers. Eine Gottesanbeterin. Stolz sitzt sie da, ihren dreiecksgleichen Kopf schräg nach oben geneigt, fast regungslos – nur die Fühler zittern wie von Wind bewegt. Eine Erhabenheit strahlt sie aus. Und gleich unter ihr im dichten Gebüsch schlängelt sich eine kleine Eidechse über den Boden.

Neben dem Fenster bemüht sich ein Kaktus seine Eintagesblüte voll zu entfalten. Fast sichtbar dreht sich die Blütenknospe der aufgehenden Sonne entgegen. Ein glänzendes Orange mit einem Ziegelrot verwaschen gibt die Sonnenstrahlen zurück und spiegelt sich im Fenster. Fast wie ein junges Mädchen ihre eigene Schönheit bemerkt. Mutti fühlt sich zurück versetzt in ihre Kindheit. Sie konnte sich schon damals über derartige Schönheiten freuen und sie hat sich diese Fähigkeit bewahrt. Bald hätte sie sie verloren aber mit einer Urkraft hat sie sich besonnen und sich das nicht nehmen lassen.

Nun meldet sich Muttis Hunger – sie geht in die Küche und macht sich einen Morgenkaffee samt Frühstück. Gesprächig wäre sie jetzt noch nicht. Sie genießt die Ruhe und ihre Gedanken wachen langsam mit der aufgehenden Sonne auf. Sie genießt den Frieden der hier herrscht. Nach den vielen turbulenten Jahren tut ihr die Stille die einkehrt gut.

© Maria Fasching

2 Gedanken zu “Momente #1 – Mein Mutterle in ihrem Garten

Gedanken zum Beitrag