Bange Stunden…

Sie sitzt im Bett, die Beine verschränkt. Es ist halbdunkel im Schlafzimmer. Den Laptop hat sie vor sich aufgeschlagen auf einem kleinen Computer-Betttischchen. Licht gibt es nur von den drei Bildschirmen im Zimmer, von ihrem Laptop, von seinem iPad und vom Fernseher. Zwei Gesichter mit Brillen werfen das diffuse Licht der Bildschirme zurück.

Sie sieht sich im Spiegel, wie sie konzentriert Worte in ihrem Laptop aneinanderreiht. Er informiert sich grade auf seinem iPad auf Google über das Thema Fischen.

Ein Hund bellt aus dem Fernseher und lässt sie kurz aufblicken. Ihr Blick verrät, dass sie sich gestört fühlt von dem Film der gerade läuft. „Tatort“ heißt der Film. Sie hat den Film schon zu einer anderen Zeit gesehen. Aber sie will den täglichen Ablauf nicht stören. Der tägliche Ablauf beinhaltet um zwanzig Uhr fünfzehn einen abendfüllenden Film.

Durch das Fenster lässt sich spärliches Licht der letzten Abenddämmerung wahrnehmen. Ganz fein hörbar neben dem Dialog im Fernseher dringt ein Vogelzwitschern an ihr Ohr. Ein leichtes Stöhnen nimmt sie von ihrem neben ihr liegenden Partner wahr. Eine starke Migräne hat sich seiner schon wieder bemächtigt. Er legt das iPad weg, nimmt den Nackenpolster und stülpt sich diesen über seinen Kopf und seine Augen. Dann schläft er ein.

Die Fernseherlautstärke dreht sie auf lautlos, damit er in Ruhe schlafen kann. Von weit her hört sie das Folgetonhorn eines Rettungswagens. Die Hitze macht vielen Menschen zu schaffen, denkt sie.

Nun ist sie allein in ihrer Gedankenwelt. Eine durch wenige Geräusche unterbrochene Stille umgibt sie, nur der Kühlventilator des Laptops surrt leise.

Sie denkt an die schrecklichen vergangenen Stunden des letzten Tages. Er bekam plötzlich starke Schmerzen im Leistenbereich. Was das heißen konnte, wussten sie beide sofort. Das Krebs-Damoklesschwert hängt täglich über ihrer zweisamen Idylle. Und wenn dieses Schwert zuschlägt, kann es schnell gehen. Er scherzt trotz übler Schmerzen: „Wenn …, dann bin ich in drei Monaten nicht mehr.“

Der Scherz trifft sie hart, doch sie lässt sich nichts anmerken. Nur die wässrigen Augen von beiden sprechen die Wahrheit. Große Angst hat sich ihrer und seiner bemächtigt. Bange Stunden folgen.

Am nächsten Tag, Entwarnung! Nach sorgfältiger und eingehender Untersuchung stellte der Urologe eine starke Entzündung fest, er fand keine Wucherungen.

Tief ein- und ausatmend schauen sich beide voller Liebe und Erleichterung an, lächeln sich an, wissend, dass sie noch länger ihre geliebte Zweisamkeit genießen können.

 

© Maria Fasching

21 Gedanken zu “Bange Stunden…

  1. Worte spiegeln, egal was und wie man schreibt, die Geisteshaltung des Schreibers wieder. Deine Geschichte ist eingebettet in ruhigen, klärenden, wertschätzenden Worten. Ich kann hinein treten in ein Zimmer, das zwei Menschen bewohnen und ihnen zusehen, wie sie mit einander umgehen, ohne selbst Partei zu ergreifen. Ich bewerte nicht diese Situation, in gut, schlecht, aufregend, unzumutbar, angenehm, unmöglich. Sondern lese gespannt und es entsteht ein Gesamtbild. Es wächst förmlich vor meinem geistigen Auge. Es ist als höre ich Musik, dessen Töne zusammen passen. Ein harmonische Klangspiel.

    Ich danke Dir.
    Hilde

    1. Mir fehlen jetzt die Worte, liebe Hilde, zu beschreiben, was deine Worte bei mir bewirken. … ich fühle eine tiefe Berührtheit und Dankbarkeit für deinen zu Herzen gehenden Kommentar. Und ich staune über die Wirkung meines Beitrags…
      Ganz lieben Dank für deine Mühe, mir zu schreiben.
      Lieben Gruß
      Maria

  2. Liebe Maria,
    deine Wahrheit, die du so authentisch in Worte gefasst hast, berührt mich. Es ist eine spannende Erzählung – bis zum Schluss – die Entwarnung – ein Aufatmen!
    Alles Liebe und Gute euch beiden und viele glückliche gemeinsame Stunden
    wünscht euch
    Heidrun

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