Der Mantel

Die ersten Sonnenstrahlen fallen durch das Fenster auf das Fußende des Bettes. Langsam und bedächtig aber kontinuierlich klettern sie weiter in Richtung Polster. Auf dem Polster ruht ein Mädchenkopf. Friedlich schläft Lisa noch. Gleichmäßig ist ihr Atem. Da – ein Hahnenschrei.Es ist sechs Uhr morgens. Durch den Schrei des Gockels in ihrem Schlummer gestört, erwacht Lisa langsam und kommt zu sich. Ein Lächeln huscht über ihr Gesicht – zu schön sind noch die Nachwirkungen des Traumes in dem sie grade eben noch verweilte. Ein Traum von einer Bibliothek mit unendlich vielen Büchern. Nun hatte die Wirklichkeit sie wieder. In den zwei Nebenbetten räkeln sich ihre zwei Schwestern, Rosi und Josefa. Josefa ist die ältere Schwester, Rosi die jüngere. Lisa, nun vollends erwacht, schlüpft aus dem Bett und kleidet sich gleich an. Dann weckt sie ihre Schwestern. Lisa wirft noch einen sehnsüchtigen Blick auf ihr Nachtkästchen auf dem die Bibel und ein neues Buch aus der Bibliothek auf sie warten. Zu schön wäre es jetzt noch eine Stunde im Bett mit dem neuen Buch zu verbringen. Aber die Pflicht ruft. Sie eilt über die Stufen ins Erdgeschoß in die Küche. Die beiden Mädchen folgen ihr.

Der strenge Vater ist schon längst im Stall um die Kühe zu füttern. Die gutmütige Mami hat die Kühe bereits gemolken und steht nun am Herd in der Küche. Sie bereitet das Frühstück für ihre fünf Kinder vor. Die Geschwister von Lisa sind alle schon im schulpflichtigen Alter. Schlaftrunken kommen nun auch die zwei Buben, Franzi und Georg, in die Küche. Auf dem Sofa sind vier Häufchen Kleidungsstücke, fein säuberlich geordnet. Diese hat Lisa noch vor dem zu Bett gehen für ihre Geschwister vorbereitet. Das ist nämlich ihre Aufgabe, die Wäsche vorzubereiten für die ganze Familie. Sie ist ihrer Mami eine große Hilfe im Alltag. Da sie auch sehr vernünftig und für ihr Alter schon sehr erwachsen ist, wird sie von ihren Eltern sehr geschätzt. Die Kinder ziehen sich schnell an.

Schon sitzen unter großem Spaß und viel Gelächter und auch ein paar Zankereien alle Kinder um den großen Tisch und stärken sich für den Tag. Auch der Vater kommt vom Stall herein und Mami setzt sich auch um zu frühstücken. Ein harter Arbeitstag steht allen bevor.

Draußen ist es kalt. Es hat die ganze Nacht geschneit und Zeit war keine, den Schnee vor dem Haus wegzuräumen. Nach dem Frühstück packen alle ihre Schultaschen und ziehen sich warm an. Ja, wenn das so warm wäre. Es gibt für alle Kinder nur kalte Gummistiefel. Zum Wärmen sind nur die Socken da. Es sind zwar selbst gestrickte Wollsocken, aber die wärmen auch nur bedingt. Lisa nimmt zögerlich ihren Mantel – seit gestern ziert ein großer eingenähter Flicken den Rücken des Kleidungsstückes. Leider war ihr Mantel dort zerrissen und Mami hatte das Loch mit einem Stoffrest vernäht. Nun sah das alles ja fein säuberlich aus, aber Lisa schämt sich, mit diesem Mantel in die Schule zu gehen. Sie fürchtet sich vor den Hänseleien der Mitschüler, die sicher kommen sollen. Da fiel ihr ein, wenn sie die Schultasche so lange wie möglich auf den Rücken behalten würde, dann würde man den Flicken nicht sehen. Ein bisschen erleichtert über ihre Idee macht sie sich mit ihren Geschwistern auf den vier Kilometer langen Weg in die Schule in den nächst gelegenen Ort.

Die Kinder, vor allem die Kleinen, versuchen alles zu tun, damit kein Schnee in die Gummistiefel fällt, mit wenig Erfolg. Je weiter sie gehen, desto mehr Schnee fällt in die Stiefel. Langsam und bei jedem Schritt mehr dringt der geschmolzene Schnee immer tiefer in die Stiefel. Es ist so kalt, dass fast der Atem vor der Nase gefriert. Und der Wind tut sein Übriges. Die Kälte geht allen fünfen durch und durch. Und trotzdem haben sie Spaß, vor allem dann mit den Nachbarskindern. Schneebälle wirbeln durch die Luft von Kinderlachen und Geschrei begleitet.

Endlich erreichen sie die Schule.

Lisa geht in die Garderobe. Heimlich dreht sie ihren Rücken weg von den anderen Schülerinnen, lässt schnell die Schultasche auf den Boden gleiten, zieht ganz rasch den Mantel aus und schlägt ihn zusammen, damit niemand den Flicken sieht. Niemand hat ihn gesehen. Erleichtert zieht sie die nassen Stiefel aus und ihre Pantoffel an. Schnell eilt sie ins vom Ofen warm geheizte Klassenzimmer. Sie geht gerne in die Schule. Lernen bedeutet ihr sehr viel und sie ist eine gute Schülerin, trotz der vielen Arbeit zu Hause. Ihre Haus- und Lernaufgaben macht sie in der Regel am Morgen, bevor alle aufstehen.

In der Mittagspause huscht sie schnell in die Bibliothek, packt dort ihre mitgebrachte Jause aus und vertieft sich gleich in ein sehr interessantes aber kritisches Buch. Es geht um die Geschichte der Kirche. Fasziniert und auch leicht geschockt über die Dinge die sich ihr offenbaren übersieht sie fast die Zeit. Schnell läuft sie wieder zurück ins Klassenzimmer. Der Nachmittagsunterricht beginnt.

Nach dem Unterricht gehen alle Kinder geschlossen in die Garderobe um sich wieder warm anzuziehen. Draußen hat wieder Schneegestöber angefangen. Lisa zieht ihren Mantel an und da passiert es – Gerda, eine Mitschülerin aus einer wohlhabenden Familie, sieht den Flicken auf ihrem Rücken. Sogleich tuschelt sie mit einer anderen. Beide schauen zu Lisa hin und beginnen zu lachen. Gerda kommt zu Lisa und sagt: „Na so was! Habt ihr nicht genug Geld für einen neuen Mantel? Ist das die neue Mode?“

Beschämt und tiefrot im Gesicht, mit den Tränen kämpfend, packt Lisa ihre Schultasche auf den Rücken und läuft davon. Wie ungerecht die Welt ist, denkt sie. Und sie schwört sich, dass es ihr und ihren Kindern einmal besser gehen würde. Sie werde hart dafür arbeiten…

 

© Bild und Text Maria Fasching

12 Gedanken zu “Der Mantel

  1. Hallo Maria,
    Vielen Dank, für Deine schöne, gefühlvolle Geschichte. Ich habe es als Kind nicht erleben müssen, dieses Gefühl, auch meine Kinder nicht. Schön wäre es, wenn es kein Kind erleben würde. Herzliche Grüße, Petra

    1. Hallo Achim, lieben Dank für deine Zeilen und fürs Mitlesen. Ich kenne diese Geschichte aus Beschreibungen und Erzählungen von meiner Mutter. Daher weiß ich, dass es auch eine harte Zeit war, mit viel Arbeit und wenig Zeit fürs Spiel. Ganz anders als heute und in meiner Kindheit. Aber sie erinnert sich doch gerne an die alte Zeit. Herzliche Grüße aus Wien Maria

  2. ach Blümchen,hast mich wieder mal zum Heulen gebracht……………..hab wieder alles- das ganze schwierige Kinderleben …………..auch das schöne…………..mitgelebt. Wie kannst du doch alles so schön formulieren,obwohl du doch nicht mit dabei warst?Danke mein Schatz-es gibt mir so viel,was du schreibst…………..ganz innige Liebe-deine Mutti

    1. Mein liebes Mutterle! Freue mich so über deine Worte und dass gerade dir meine Schreiberei so viel gibt. Ich habe dir zu danken! Du hast mir Lesen und Schreiben mit viel Zeit und Mühen beigebracht schon im Vorschulalter. Dadurch hat sich bei mir so eine Liebe zum Lesen und Schreiben entwickelt. Der Ursprung meiner Schreiberei liegt bei dir. Danke! Habe dich auch ganz innig lieb! Deine Tochter Maria

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